Seit 2002 wird der Jenaer Preis für Zivilcourage verliehen. Mit diesem Preis werden einmal im Jahr Menschen oder Organisationen geehrt, die sich durch zivilcouragiertes Verhalten ausgezeichnet haben. Dieses Verhalten soll nicht unbeachtet bleiben und als Vorbild für ein zivilgesellschaftliches Miteinander dienen. Ausgelobt wird der Preis vom Runden Tisch für Demokratie und dem Oberbürgermeister der Stadt Jena.

OB Nitzsche, Stefan Lohse, Silke Dombrowski (v.l.n.r.)

In diesem Jahr wurde das Preisgeld in Höhe von 1.000 € von der Allianz Lohse OHG gestiftet. Die feierliche Verleihung fand am 24.05.2019 im Rathaus statt.

Sowohl Oberbürgermeister Dr. Thomas Nitzsche als auch die Laudatorin Michaela Jahn als Vorsitzende des Vorstands der Initiative Innenstadt Jena e.V. nahmen in ihren Redebeiträgen Bezug auf den Begriff Zivilcourage, um den gut 80 Gästen deutlich zu machen, warum es wichtig ist, zivilcouragiertes Handeln zu honorieren:

Dr. Thomas Nitzsche beschreibt Zivilcourage als „ein Handeln im Konflikt zwischen denen, die sich für die Normen und Werte unserer Gesellschaft einsetzen – der zivilcouragierten Person – und denen, die sie verletzen“. Dabei birgt das Zeigen von Zivilcourage auch Risiken: „Der Erfolg zivilcouragierten Handelns ist meist unsicher und der Handelnde ist bereit, das Risiko persönlicher Nachteile von Anfeindungen bis hin zur physischen Gewalt in Kauf zu nehmen.“ Umso wichtiger erscheint vor diesem Hintergrund die Ermutigung, für demokratische Normen und Werte einzutreten: „Der Jenaer Preis für Zivilcourage [ist] eine wichtige Institution, nicht nur weil er heute bereits zum 18. Mal verliehen wird, sondern weil einerseits immer wieder unsere Stadtgesellschaft zu Zivilcourage auffordert, sondern weil er andererseits auch immer wieder zu einer Auseinandersetzung darüber einlädt, was es heißt, zivilcouragiert zu handeln, in unserer Stadtgesellschaft und darüber hinaus.
Die Laudatorin Michaela Jahn fasst es mit ihren Worten zusammen: „Couragiertes Handeln beginnt meist damit, dass man den Mund aufmacht und Einspruch wagt“, so Jahn. „Zivilcourage ist der Mut zum: So nicht!.

Den 18. Jenaer Preis für Zivilcourage erhielt in diesem Jahr Frau Silke Dombrowski, Inhaberin des Fitnessstudios progesund. Sie hat innerhalb Ihres eigenen Unternehmens nicht hingenommen, dass ein Auszubildender regelmäßig den Schriftzug einer extrem rechten Modemarke während seiner Arbeitszeit und in Kontakt mit den Kunden zeigte. Konkret ging es um die Marke Thor Steinar, die wohl beliebteste aller extrem rechten Modemarken. Die Motive und Aufdrucke dieser Kleidung stellen nationalsozialistische, aber auch nordisch-germanische bzw. völkische Bezüge her. Auch Gewalt und brutale Männlichkeit spielen in den Darstellungen eine Rolle.

(Für eine kritische Auseinandersetzung mit der extrem rechten Modemarke eignet sich die komplett überarbeitete Broschüre ReInvestigate THOR STEINAR, herausgegeben von einem Berliner Verein. Link)

Aufmerksam gemacht auf die Sichtbarkeit der Modemarke im Unternehmen und damit auch der Inhalte, wofür diese steht, wurde Silke Dombrowski durch eine aufmerksame Kundin, die es ablehnte, von dem Träger eines derartigen Schlüsselbandes im Training begleitet zu werden. Frau Domkowski reagierte umgehend: Es gab eine Belehrung zur Unterlassung, das Verlangen, eine entsprechende Verpflichtungserklärung zu unterschreiben sowie ein Elterngespräch. Der Azubi und seine Eltern verharmlosten die Modemarke, indem sie das Schlüsselband als Werbegeschenk herunterspielten. Um dem Azubi begreiflich zu machen, welche Botschaft er mit dem Zeigen einer Marke sendet, führte Frau Dombrowski für die beiden Azubis des Unternehmens einen Workshop zum Thema Marken im Kontext Sport, Ernährung und Lifestyle durch. Darin wurde auch das Verhältnis zur Marke progesund beleuchtet. Parallel dazu verständigte sie sich mit der Klassenlehrerin in der Berufsschule des betreffenden Azubis und bezog diese mit ein. Nach dem Ende der Probezeit informierte die Berufsschule das Unternehmen darüber, dass der betreffende Azubi wiederholt und entgegen einer entsprechenden Klausel in der Hausordnung der Schule Kleidung der Marke Thor Steinar im Unterricht getragen hatte. Um Imageschaden von ihrer Firma, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie ihren Kundinnen und Kunden abzuwenden und im Einklang mit ihrer eigenen Haltung sowie den Unternehmenswerten von progesund, kündigte Frau Dombrowski das Ausbildungsverhältnis fristlos. Der Azubi klagte gegen die Kündigung auf Wiedereinstellung und Schadensersatz. Unter Einbeziehung der Schlichtungsstelle der IHK Gera konnte das Ausbildungsverhältnis einvernehmlich beendet werden: Der Azubi hatte einen neuen Ausbildungsbetrieb gefunden.

Im Vorfeld der Verleihung des Preis für Zivilcourage wurde der thüringenweit ausgelobte Charlotte-Figulla-Preis 2019 verliehen (nähere Informationen unter auf der Webeite von KoKont). Die wechselnden Themen des Preises sollen Anstoß für Projekte in den Themenfeldern Demokratie, Gesellschaft, Weltoffenheit, Toleranz und gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bieten. In diesem Jahr wurden Arbeiten des Schüler*innen- und Jugendwettbewerbs unter dem Thema Lebenswert mit Preisgeldern in Höhe von insgesamt 1.500 € ausgezeichnet. Gestiftet wurden die Preisgelder von Prof. Dr. Figulla im Gedenken an seine zu jung verstorbene Tochter Charlotte. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr die Schülerinnen Jenifer Reen und Lara Eichhorn der Karl-Volkmar-Stoy-Schule Jena für ihre Installation Warum ist m(d)ein Leben lebenswert?, der Schüler Erik Pöch für seine Kurzgeschichten Mandarinen und Die Krankheit, der Schüler*innenrat des Leuchtenburggymnasiums Kahla für den Graffiti-Wettbewerb LEBENSWERT, die Schülerinnen Antonia Bräuer, Jonna Mannich und Caroline Ziege für die Fotodokumentation Unser Lebensbaum sowie die Klasse 11/1 des Ernst-Abbe-Gymnasiums Jena für die Gestaltung von Plakaten unter dem Titel Guten Morgen, ihr Schönen. Einen Sonderpreis auf Grund der besonderen Qualität erhielten Schülerinnen und Schüler der Jenaplan-Schule für ihre Kurzfilme Ein Traum vom Glück und Nach grauen Tagen.

Ein herzlicher Dank geht an Friedrich Herrmann für die Moderation der Preisverleihung, an Milla für die Fotodokumentation, an die Musiker der „Seelenküche für ihre gelungene musikalische Begleitung der Veranstaltung, den Schillerhof für die kulinarische Verköstigung, an das Floristen-Eck im Damenviertel für die Blumen, an JenaKultur für die Technikbetreuung und den Demokratischen Jugendring Jena für die Materialleihe.